Das Leben ist kostbar!

„Die Bedrohung ist angekommen. Die Wucht der Pariser Anschläge, der daraus entstehende tiefe Schrecken und das schmerzliche Leid, fühlt sich an wie ein Schnitt. „Das hat mitten ins Herz von Europa getroffen“ sagt meine junge Kollegin. 30 Jahre jünger als ich und der sogenannten Generation Y zugehörig, ist Europa vermutlich für sie viel durchlässiger, kleiner, näher. In diesen Tagen höre ich die Sirenen der Krankenwagen in meiner Stadt anders. Eigentlich kann ich es doch gar nicht fassen. Wie denn auch. Es gibt keine Einordnungsscala für diese Nachrichten. Ich habe das Bedürfnis, alte Musik zu hören, als wollte ich mich darin vergewissern.  

In einem Interview im Fernsehen höre ich einen etwa 25jährigen Mann sagen „Das Leben ist so kostbar!“. Er hat den Angriff auf das Bataclan überlebt. Der Satz dringt durch die schrecklichen  Nachrichten zu mir durch und berührt mich sehr. Ich bin keine Freundin großer Worte. Sie sind mir oft zu wichtig und entfernt vom eigenen Erleben. Ich mag lieber Verben als Substantive. Doch dieser Satz brennt sich ein.

Die Versuche, mich gut zu informieren scheitern, wenn es mir zu viel wird. Ich bemühe mich, eine Haltung zu entwickeln zu dem was geschieht, und bin nicht sicher, ob das überhaupt Sinn macht. Meine Art von Haltung kann sein, offen zu bleiben und immer wieder zu bemerken, an welchen Stellen Hoffnung oder Angst den Blick trüben, verstellen oder wundersame eigene Reaktionen bewirken.  

Die Eindrücke könnten widersprüchlicher nicht sein. Ich erlebe meine Umgebung als großzügig, beherzt und ignorant. Am meisten verwundert mich vielleicht, dass das Leben sich weiterdreht als sei nichts gewesen. Weihnachtsmärkte bauen auf. Geflüchtete leben im Viertel. Beim Brötchen kaufen am Sonntag steht auf fast jeder Zeitung ‚Krieg’ in großen Buchstaben. Meine Kamera bleibt immer häufiger in der Tasche. Es kommt mir falsch vor, einfach weiter zu fotografieren, was meinen Alltag ausmacht. Als müsste ich stoppen. Und doch ist das klare Sehen mein Erfahrungsfeld: Bin ich wach und aufmerksam für meine Umgebung? Bin ich offen und nicht urteilend? Sehe ich die Welt so, wie sie ist: verwirrend, schön, schrecklich, zerrissen, verbunden und so kostbar!“

(Hiltrud Enders, in ihrem aktuellen Newsletter Miksang Kontemplative Fotografie)

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